Jedenfalls in der jetzigen Form.
In Zeiten von
Vorratsdatenspeicherung und
Data-Mining, des "Krieges gegen den Terror" und des
"Kampfes gegen Anonymität", in denen im Auge des Staates jeder als potentieller Terrorist einzustufen und dementsprechend allzeit zu überwachen, kontrollieren und zu identifizieren ist, wird folgerichtig einem der national und international bekanntesten Projekte zur Erprobung eines öffentlich bereitgestellten Anonymisierungsdienstes der Geldhahn abgedreht. Laut der
Pressemitteilung des ULD Schleswig-Holstein, "läuft die finanzielle Projektförderung durch das BMWi zum Ende des Jahres 2006 definitiv aus".
Zu diesem Anlass lädt das ULD zusammen mit den beteiligten Projektpartnern zu einer Abschlussveranstaltung am 24.11.2006 im Bundeswirtschaftsministerium ein – "dabei sollen unter dem Motto 'Technik-Szenarien-Geschäftsmodelle' insbesondere Erfahrungen ausgetauscht und wirtschaftliche Perspektiven diskutiert werden". Nähere Informationen zur Diskussion kann man dem
PDF-Flyer entnehmen. Da auch
Burks mit von der Partie ist, werden wir später bestimmt mehr zur Veranstaltung und zur Zukuft von JAP erfahren.
Das
Java Anon Proxy (JAP) Programm und das damit verbundene
AN.ON Projekt war ja immer wieder
Gegenstand auf meiner Homepage, bevor ich meine alten Blogs und mein derzeitiges Weblog führte und tauchte dann auch in ihnen immer wieder auf. Man erinnert sich...
Vor JAP bestand die gängigste Methode zur Anonymisierung im Web aus der Nutzung einfacher Proxys, die öffentlich zugänglich waren und die eigene IP nicht weitergaben. Findigere Zeitgenossen schalteten mehrere dieser Proxys hintereinander oder hangelten sich über Telnet und SSH Accounts von Server zu Server. Die anderen Internetnutzer waren auf ihren Glauben angewiesen, dass die Proxybetreiber keine Logdateien führten und niemand ihre Verbindungen zu den zumeist ohne Verschlüsselung geführten Proxys mitschnitt. Einige Projekte und Forschungsarbeiten starteten zu Anonymisierungstechniken – vor allem in den USA. Viele erreichten die Umsetzung nie und blieben auf der theoretischen Ebene hängen. Einige, die versuchten, damit ein Geschäft zu machen, scheiterten mehr oder weniger (ZK oder Janus). Professionell und speziell zur Anonymisierung geführte Diensteanbieter wie anonymizer.com gewährten freie Anonymisierung, zunehmend auch mit zusätzlicher SSL Verschlüsselung und man konnte das Onion-Routing – damals noch direkt mit Proxys der U. S. Navy, ausprobieren.
Als JAP startete, bekam der User ein kleines, plattformunabhängiges Programm mit grafischer Oberfläche, hinter dem ein
durchdachtes Konzept stand.
JAP wurde begeistert von den Benutzern aufgenommen, wurde von Hilfsdiensten integriert, um
auch im Internet anonyme Beratung leisten zu können und sprach sich weltweit herum.
Neben dem praktischen Nutzen wurde in den beteiligten Universitäten und Organisationen wichtige Forschungsarbeit geleistet, die u. a. die technische Realisierbarkeit untersuchte, aber auch, wie sich solch ein Dienst im Spannungsfeld von Datenschutz, Sicherheitspolitik und den Bedüfnissen der Strafverfolgungsbehörden und Geheimdienste behaupten kann.
Zum letzten Punkt kennen wir die Entwicklungen: Immer wieder wurde JAP mit Anfeindungen konfrontiert, Internetkriminellen und später "den Terroristen" zu dienen und die Strafverfolgung zu behindern – die bis heute immer lauter und stärker wurden, es fanden illegale Datensatz-Beschlagnahmungen statt, Durchsuchungsversuche und auch der Einbau einer Schnittstelle zur Mitprotokollierung, die – soweit bekannt – einmal aktiviert wurde und bei der sich die Projektträger gegenüber der Benutzergemeinde mehr als unglücklich verhalten hatten, was den Ruf von JAP schwer schädigte. Viele gingen dazu über, JAP pauschal zu bashen, wobei sie vergaßen, dass JAP ein mit öffentlichen Geldern finanzierter Dienst war und eben: Ein Forschungs-Projekt.
Trotzdem stellen JAP und das AN.ON Projekt wichtige Meilensteine dar, was die Thematisierung und Realisierung des Begriffspaares "Anonymität im Internet" angeht. Dafür haben die Betreiber und Datenschützern Dank verdient, auch wegen ihres Einsatzes für die Anonymität gegen die Anfeindungen seitens der Innen- und Sicherheitspolitiker.
Wegen der Beendigung der Finanzierung überlegt man sich seit einiger Zeit, JAP als kommerziellen Dienst weiterzuführen und hat mit dem
Test einer Bezahlfunktion begonnen.
Ich denke, die Erfahrungen der Vergangenheit, der Gegenwart und der anderen Angebote zeigen, dass sich ein zu bezahlender Anondienst nicht kommerziell behaupten kann, wenn er außer dem reinen anonymen Zugang keine weiteren Zusatzangebote bietet. Zudem es nur wenige anonyme Bezahldienste gibt, weshalb immer anzuzweifeln ist, ob eine Bezahlung die erhoffte Anonymität nicht wieder einschränkt (Paypal-Bezahlung von JAP?!).
Ein weiteres Ergebnis: Einen unabhängigen Anondienst, dessen Existenz gesichert ist, kann es nicht in einem öffentlichen Umfeld aus Ministerien und durch öffentliche Gelder finanzierte Universitäten und Institutionen geben, ganz besonders nicht im Jahr 2006 und darüber hinaus. Es wird unweigerlich der Versuch unternommen werden, Einfluß und Druck auszüben, die Finanzierung zu gefährden oder den Dienst zu kastrieren.
Und zuletzt: Ein Anondienst, der aus einer Handvoll Mixproxys und Verzeichnisservern besteht, die sich zudem geografisch konzentrieren, ist viel zu anfällig gegen Einflußnahmen, Überwachungsansinnen und Überwachungsmaßnahmen in größerem Maßstab. Deshalb und aus den anderen genannten Gründen hat Tor die Lücke, die sich mit der Beendigung von JAP ergeben wird, längst geschlossen. Eine Zukunft für JAP ist dennoch denkbar: Es wird von einer freien Entwickler- und Nutzergemeinde weiter entwickelt und besitzt bzw. erhält Funktionen, die Tor überlegen sind, gleichzeitig wird das "JAP-Netz" wie bei Tor dezentral und global betrieben.
Via: Heise -
Was war. Was wird.
Siehe auch:
ULD -
Anonymität im Internet - AN.ON ist für Grundrechtsschutz wichtig und hat Zukunft (24.11.06)
Heise -
Streit um die Zukunft des Anonymisierungsdienstes AN.ON (24.11.06)
Heise -
"Wir brauchen überwachungsfreie Räume" (24.11.06)
Burks -
Nicht ohne meine Tarnkappe (28.11.06)
Ende des Jahres wird JAP eingestellt. Grund: Die finanzielle Förderung durch das BMWI läuft aus und wird nicht verlängert. Bei der herrschenden Überwachungswut finde ich das wenig überraschend. Einen Nachruf auf JAP gibt’s bei Rabenhorst. ...
Tracked: Nov 19, 17:59