Die beiden großen Trends auf dem Gebiet der Videoüberwachung sind technischer und sozialer Natur.
Zur technischen Evolution zählen bessere Optiken, die Kameras mit größeren Zoomfähigkeiten, größerem Blickwinkel und größerer Lichtsstärke versehen, um Personen und Objekte auf große Distanzen, in größeren Räumen und unter suboptimalen Umweltbedingungen aufzunehmen, die Mobilisierung der Kameras mit Elektromotoren, die ehemals starre Kameras mit Schwenk- und Neigebewegungen versehen, um jeden Bereich im Blickwinkel "bestreichen" und sich auf veränderliche Szenarien einstellen zu können, die Verlagerung von Speicherraum und Prozessoren aus den Kontrollzentren in die Kameras und ihre Vernetzung per Funk, die zum Wechsel von der analogen zur digitalen Videoüberwachung gehören und zu guter Letzt die Ergänzung der Optik um Mikrofone und Lautsprecher, womit zur visuellen auch die akustische Überwachung und die verbale Reaktion auf Aktivitäten überwachter Personen hinzukommt.
Über die lokalen Speicherpuffer und die Kompression der digitalen Videodaten können größere Mengen an digitalen Aufnahmen erfasst, verarbeitet und länger vorgehalten werden – es gibt nicht nur die Vorratsdatenspeicherung für digitale Kommunikationdaten. Die Vernetzung ermöglicht statt punktueller Ortsüberwachung flächendeckende Raumüberwachung und eine größere Flexibilität der Überwachung, wenn z. B. Zielobjekte von einem in einen anderen Überwachungraum wechseln und sich die Überwachung der Kameras der Bewegung der Objekte anpassen soll.
Auf den Prozessoren und in den Computern der Kameras laufen Programme und Algorithmen, die einen Teil der Erkennung und Interpretation der aufgenommenen Objekte, Szenerien und Vorgänge vom menschlichen Wachmann auf die Kamera übertragen. Dabei rückt immer mehr die Charakterisierung von Objekten, die Interaktion zwischen Objekten, Personen und Objekten oder Personen und Personen und die Bewertung menschlichen Verhaltens in das Zentrum des Interesses.
Die Kameras dringen so über Automation und Vernetzung, "Intelligenz" und "erkennendem Selbst-Sehen" statt bloßer Aufnahme in Bereiche vor, die nie zuvor eine Kameralinse gesehen hat.
Schon durch die schiere Anzahl und das Wachstum der Kamerainstallationen werden vorher unbeobachtete Bereiche oder gar private Rückzugsgebiete im öffentlichen Raum förmlich "aufgebraucht". Ehemals konzentriert auf spezielle Objekte, die sich mit hohen Schutzinteressen verbinden (Kernkraftwerke, Militärbasen, Unternehmensgelände, Finanzinstitute, Lagergebäude, Gefängnisse, Bahnhöfe und Flughäfen), halten Videoüberwachungskameras Einzug in Straßen der Innenstädte, Wohnviertel, Parkanlagen, in Fahrzeugen des öffentlichen Transports wie Züge, Taxis und Busse, Einkaufszentren, Freizeitstätten und Vergnügungsparks, an oder gar in Casinos, Bars, Clubs und Kneipen.
Bedingt durch die technische Evolution werden Kameras immer kleiner und können auf größere Distanzen installiert werden, was sie der Aufmerksamkeit der Beobachteten entrückt, wenn diese sich nicht bereits dort an ihren Anblick gewöhnt haben, wo sie in massiver Anzahl auftreten.
So werden Kameras immer mehr zum Alltag wie Straßenlampen, Stromverteiler oder Bankautomaten, was das Gefühl der Bedrohung, dass sich zur Zeit noch bei eingen Zeitgenossen zeigt und begrenzte öffentliche Debatten auslöst, in ein paar Generationen zum Verschwinden bringen wird. Obwohl gerade sie es sind, die nicht nur ihre Schädel und Augen vor den biometrischen Algorithmen im Innern der Kameras offenbaren, um identifizierbar und lokalisierbar zu werden, sondern deren Art, sich im öffentlichen Raum auszudrücken, zu bewegen und zu verhalten in immer mehr Facetten von den Linsen der Kameras erfasst und den Computern dahinter kategorisiert und beurteilt wird.
Je mehr Facetten hinzukommen, auf die entsprechende Reaktionen und Sanktionen erfolgen – akut auf herbeieilende Sicherheitskräfte oder Lautspecheransagen limitiert – desto mehr werden sich individuelles Verhalten und Gebaren den Forderungen beugen und anpassen, die sich in den Reaktionen und Sanktionen ausdrücken. Auch das wie die Ausweitung der Kamerainstallationen ein schleichender Prozess.
Was die Kameras zur Zeit ohne die Hilfe und Interpretation ihrer menschlichen Bediener an Verhalten und Gebaren "wahrnehmen" und als bedrohlich oder "anti-sozial" einstufen können, sind grobe, zuvor definierte Muster, die sich für die Kameras als Änderungen in Zeit, Raum, der Geometrie der Objekte widerspiegeln: Schnelle oder zu langsame Bewegungen, die Berührung mit und das Eintreten von Objekten in räumliche Zonen des Verbots, Zusammenballungen von Objekten in Räumen, in denen sie ansonsten isoliert auftreten, das Isolieren einzelner Objekte aus Umgebung und Hintergrund und die Verfolgung ihrer Bewegung.
Um mehr Facetten des menschlichen Verhaltens per Videoüberwachung auf- und wahrzunehmen, muss die Kameraüberwachung facettenreicher werden und sich von grober zur feinen Unterscheidung der Muster menschlichen Verhaltens weiter entwickeln.
Das ist das Ziel des Videoüberwachungssystems mit "Computer Vision" (dem obigen "erkennendem Selbst-Sehen"), dem sich der New Scientist Artikel
Surveillance system spots violent behaviour widmet.
Wie der New Scientist berichtet, erforscht man an der Universität von Texas ein neues Softwaresystem zur Videoüberwachung – also das, was auf den Prozessoren der "intelligenten Videoüberwachungskameras" läuft – das bald in der Lage sein soll, verschiedene "Typen von Aktivitäten", sprich Verhaltensweisen, Bewegungen und Gebaren von und zwischen Menschen zu unterscheiden und zu erkennen.
Dabei steht die Erkennung auf Gewalt hindeutender Aktivitäten im Mittelpunkt, denn damit kann man Videoüberwachung am Besten verkaufen und Forschungsgelder erhalten. Letzlich ist "Gewalt" durch jeden anderen Verhaltenstyp austauschbar.
Wie das System technisch dazu in die Lage versetzt werden soll, beschreibt der Artikel so:
[Die Wissenschaftler] entwickelten eine Software, die jeden Bildframe analysiert und Pixelcluster identifiziert, die mit einem groben Modell des menschlichen Körpers übereinstimmen. Sie untersucht dann das Zusammenspiel sich voneinader unterscheidender Pixelcluster, um die Interaktionen zwischen Individuen zu klassifizieren.
Viele Interaktionen können jedoch zweideutig sein. Eine Person, der jemand einen Kaugummistreifen oder eine Zigarette anbietet, kann ähnlich aussehen wie eine Person, die zum Beispiel mit einem Messer bedroht wird. Um das zu meistern, beschlossen [die Wissenschaftler], ein Profil für jeden Verhaltentstyp zu konstruieren.
Parks (einer der Wissenschaftler) nennt das eine "semantische Analyse" der Interaktion. Das bedeutet, dass mehrere, verschiedene Faktoren einbezogen werden. Zum Beispiel müssen sich bei der Identifizierung von zwei Personen, die sich die Hände schütteln, deren Hände nicht nur geschlossen haben, sondern sich auch synchron bewegen.
[Die Wissenschaftler] kodierten präzise eine Beschreibung dieser Schlüsselmerkmale, nach denen die Software sucht, wenn sie eine Szenerie analysiert. Das erlaubt die Zuordnung eines Wahrscheinlichkeitswerts, dass eine bestimmte Aktivität beobachtet wird.
Bei Tests mit sechs verschiedenen Paaren, die 54 verschiedene, inszenierte Interaktionen darboten, konnte bis jetzt eine 80% Genauigkeit der Erkennung der korrekten Aktivität erzielt werden. Mit einem kommerziellen Einsatz rechnet man in ein paar Jahren.
Interessant ist die Antwort von Parks auf die Kritik eines Kollegen, die "Vision" Kapazität des Systems müsse wesentlich verfeinert werden: Er arbeite an einer Verbesserung, die vom Einsatz vieler Kameras mit verschiedenen Blickwinkeln profitiert.
Immer mehr installierte, technisch hochgezüchtete Videoüberwachungskameras ziehen also eine ausgefeiltere und umfassendere Bobachtung und Beurteilung des Verhaltens nach sich und neue "intelligente Software" zur videogestützten Verhaltensanalyse fordern mehr Kamerainstallationen.
Siehe auch gulli -
Überwachung 2.0: Kameras sollen aggressives Verhalten automatisch erkennen und engadget mit
Smart surveillance systems may soon detect violent behavior.
Motto des Unternehmenes "Aspectus", das sich kürzlich in Agent Video Intelligence (Agent Vi) umbenannt hat, weil es ein "intelligentes" Videoüberwachungssystem verkauft, das alle möglichen softwarebasierten Detektoren zur Erkennung integriert und mit de
Tracked: Oct 28, 17:35
Die Times berichtet heute im Artikel Word on the street ... they’re listening ebenfalls über das akustische Überwachungssystem von Sound Intelligence für Videoüberwachungskameras. Wie die Times schreibt, besitzen die Mikrofone zur Stimmenanalyse eine
Tracked: Nov 26, 10:53
Ui, die F.A.Z hat in Roboter sollen vor Terror schützen jetzt auch das Forschungsprogramm zur Inneren Sicherheit (sprich Überwachung- und Kontrollforschung) der Bundesregierung im Rahmen des Sicherheitsforschungsprogramms der EU entdeckt. Inhalt des Entwu
Tracked: Dec 17, 23:19