Zur
Übernahme von YouTube durch Google und für alle, die Google bzw. Web 2.0 Dienste intensiv nutzen, empfehle ich den Text
The Panoptic Gaze of Web 2.0: How Web 2.0 platforms act as Infrastructures of Dataveillance von
Michael Zimmer, den er als Vortrag (
Folien) anlässlich des Workshops
Social Software and Web 2.0: Critical Perspectives and Challenges for Research and Business an der Universität von Aalborg gehalten hat.
In dem Text beschreibt Zimmer den
von Foucault entlehnten "panoptisch-prüfenden Blick", der von einer "Infrastruktur der digitalen Datenüberwachung", die durch "Web 2.0" und "Search 2.0" Techniken gebildet wird, tagtäglich auf die Nutzer von Web 2.0 und Social Networks gerichtet ist und als Nebenwirkung per Data-Mining und "Search 2.0" Techniken ihre Überwachung und Sanktionierung begünstigt und zugleich zur Verinnerlichung des Blicks hin zu einer "panoptischen Selbstbeobachtung und -beschränkung" führt.
Zäumt man das Pferd von hinten auf, steht am Anfang der Internetnutzer, der einem vielfältigen Angebot von "Web 2.0 & Search 2.0" Diensten gegenübersteht, in deren Mittelpunkt bei Zimmer exemplarisch das Google Imperium steht.
Das Google Imperium zeichnet sich durch den zentralen Angelpunkt des Google Accounts aus, der über dauerhafte
Cookies und Authentifizierung personalisierte und dauerhafte Zugriffe und Nutzung der Google Plattformen und Dienste erlaubt. Weil Google vor allem mit Werbemechanismen Profit macht und diese Mechanismen zielgenau und profitabel arbeiten sollen, ist Google daran interessiert, über den einzelnen Nutzer so viel wie möglich zu erfahren und den Grad der Personalisierung zu maximieren. Deshalb analysiert Google die Daten seiner Nutzer in deren Google Suchanfragen und
Gmail E-Mails, Orkut Profilen, Google Groups Postings, Blogger Weblogs und neuerdings auch Videos.
Die Internetnutzer wiederum, die begeistert die Web 2.0 Rhetorik aufnehmen, die ihnen unbegrenzte Interaktion mit anderen Nutzern und Communities, Selbstverwirklichung und Kreativität, Teilhabe an und Demokratisierung der Medienwelt verspricht und fast zur Norm aufgibt, mit Offenheit und Transparenz spielerisch die neuen Angebote zu nutzen, offenbaren immer mehr Informationen und Daten über ihre Person und ihr Leben in der Online- und RealLife-Welt.
Die so entäußerten Daten können über die technischen Fortschritte auf dem Gebiet der Datenspeicherung, des Data-Minings, der Identifizierung, der Datenverarbeitungsgeschwindigkeit und der Suchalgorithmen immer mehr, immer schneller und perfekter gespeichert, gesammelt und miteinander verknüpft werden. Neben den Anbietern selbst, ergeben sich sowohl für gewerbliche und staatliche als auch private Nutzer immer bessere Möglichkeiten, sich die Daten über verbesserte "Search 2.0" Dienste und Techniken zu erschließen, um sie anschließend zu Profilen und Dossiers zusammenzufügen und Rückschlüsse auf das Verhalten, die Persönlichkeit oder Identität einzelner Personen zu ziehen.
Im Dunstkreis von Anbietern wie Google oder Flickr versammeln sich zusätzliche spezielle Such- und Erkennungsdienste, die z. B wie
riya und Polar Rose zur Erkennung und Identifizierung von Personen auf Fotos und Videos dienen.
Für gewerbliche und staatliche Nutzer bieten sich damit neue Ansätze, Personen und Gruppen systematisch und automatisch zu erkennen, die es zu disziplinieren, diskriminieren, beobachten oder auszusortieren gilt – was begünstigt wird, wenn Web 2.0 Dienste Daten und Nutzerprofile freiwillig oder unter Zwang an interessierte Kreise ausliefern.
Der private Nutzer kann sich dagegen als Amateur Data-Mining Profiler betätigen, um an Daten und Informationen zu kommen, die z. B. die wahre hinter einer pseudonymen Identität und ihrer ins Web 2.0 veröffentlichten Inhalte aufdecken, sich zur Denunziation und Kompromittierung einer Person eignen oder zum Ausplündern per Identitätsdiebstahl und Social Engineering.
Der Text und die Folien von Zimmer führen dazu u. a. die anschaulichen Beispiele von "Don, the camera chief" an, der sich als Anwalt ausgab, "Lonelygirl15", die mittlerweile jeder kennen dürfte, das AOL Debakel um die gespeicherten Suchprofile und das jährliche "Farrand Field Marijuana Smoking" Event an der Universität von Colorado.
Dort versammeln sich jedes Jahr Studenten auf dem Farrand Field des Campus, um eine durchzuziehen. In der Web 2.0-Zeit lädt man dann natürlich
Fotos zu Flickr und
Videos zu YouTube hoch und plaudert darüber in den MySpace und Facebook Weblogs, was die Unipolizei dann auch weidlich – neben dem diesjährigen Einsatz von installierten Videoüberwachungskameras – genutzt hat, um Teilnehmer zu identifizieren.

"Farrand Field" aus der Foliensammlung von Michael Zimmer.
Noch sind sich viele Benutzer der Web 2.0 Dienste gar nicht über die mögliche Tragweite und die Konsequenzen bewußt – dazu bedarf es u. a. obiger Beispiele.
Wird aus der Kenntnis der Nutzung der "Infrastruktur der digitalen Datenüberwachung" ein dauerhaftes Bewußtsein über den "panoptischen Blick" – bei gleichzeitiger Unkenntnis oder Ablehnung von Verhaltensmaßregeln und Techniken, um dem "panoptischen Blick" auszuweichen – ergibt sich für die Nutzer nur der Weg, den Blick zu verinnerlichen und sich einer permanenten Selbstbeobachtung, -beschränkung und -zensur zu unterwerfen und denjenigen, die ihn ausüben, auch im Netz nur das Wohlverhalten und die Inhalte zu zeigen, die erwünscht oder geduldet werden.
In Zimmers Text taucht allerdings nicht auf, dass sich Nutzer dem Irrglauben ergeben, sie hätten
nichts zu verbergen und – weil der panoptische Blick schon über sie hinweg streichen wird – auch nichts zu befürchten, zur präventiven Bekämpfung von Terroristen und Kriminellen wäre es auch zulässig, dass sie selbst einer umfassenden und alltäglichen Überwachung unterzogen werden und die "Features" und "Gimmicks" der Web 2.0 Welt seien
höher zu bewerten als die Gefährdung der eigenen Privatsphäre und Meinungsfreiheit.
Viel Spaß bei Google-YouTube.
Via: Michael Zimmer -
Debrief: Social Software and Web 2.0 seminar.
Zur Ergänzung neben Korrupts Kommentaren:
Das Kapitel
Überwachung und Kontrolle aus
Das Internet:
Zum Vergesellschaftungsprozess einer neuen Technologie und das
Postskriptum über die Kontrollgesellschaften von Gilles Deleuze.
Bei Kai hatte ich da ja schon was geschrieben und ein, zwei weitere Sätze zum Thema angekündigt. Hintergrund, dass ich seinerzeit in meiner Mag ein paar Absätze zum Thema Internet und Panopticon geschrieben hatte. Kai wird da ein paar sehr bedenke...
Tracked: Oct 12, 23:25
Nicht nur Bürger, Universitäten, Unternehmen, derzeitige Geheimdienste und Militärs sind für das Data-Mining des Internets und der Medien zwecks Antiterrorkampf zuständig, sondern auch altgediente Pensionäre und Veteranen, die sich in der klandestinen Ver
Tracked: Nov 26, 12:29
Eigentlich bin ich gut gemachte Flashanimationen zur Datenschutz- und Überwachungsproblematik nur aus dem angloamerikanischem Raum gewöhnt, aber das deutsche Flashmovie Die schöne neue Welt der Überwachung ist ein ausgezeichnetes Flashmovie, das jedem mit
Tracked: Dec 16, 19:08