In
Chicago begann man 2004 Videoüberwachungskameras mit Mikrofonen auszurüsten – vorerst "nur", um Schußgeräusche aufzunehmen und zu erkennen. Während der
Olympiade in Athen sollten die an Videokamerainstallationen angebrachten Mikrofone in die Gespräche von Passanten und Besuchern der Spiele hineinhören, um potentielle Terroristen aufzuspüren, was vermutlich in
Beijing 2008 weiter fortgesetzt wird. Im Mai 2005 gab der Stadtrat von Westminster bekannt, man werde
im Londoner Stadtbezirk Soho beginnen, Videokameras mit Mikrofonen ausstatten, um z. B. die Gegend von Pubs zu belauschen – zur Bekämpfung "antisozialen Verhaltens".
Was bedeutet, dass man es erst seit ein paar Jahren mit einer neuen Qualität der Überwachung öffentlicher Räume zu tun hat. Videoüberwachungskameras beäugen nicht mehr nur passiv ein Geschehen, Personen und ihr Verhalten, sondern können aktiv in die Vertraulichkeit von Gesprächen in öffentlichen Räumen eingreifen. Der Druck, sich äußerlich wohl verhalten zu müssen, kann auf das gesprochene Wort ausgedehnt werden. Er verstärkt sich durch die Unwissenheit, ob nun eine Kamera gleichzeitig mit Mikrofonen auf einen zielt oder nicht, wenn einem die neuen Ansätze zur Audioüberwachung bewußt sind.
Bisher hat man jedoch die Gewissheit, dass die bisherige Audiotechnik nicht in der Lage ist, zielgenau und perfekt Gespräche in Mengen und dem von ihnen erzeugten Rauschen auszumachen. Jedenfalls solange, wie sich
neue Techniken und Algorithmen zur Kompensation der Probleme noch im Experimentierstadium befinden und man mit offensichtlichen Richtfunkmikrofonen arbeiten müsste.
In George Orwells Heimatland ist man laut des Daily Mail Artikels
Big Brother is shouting at you dabei, den zweiten Audiokanal zu öffnen. Sehen Videoüberwachungskameras immer mehr und beginnen zu hören, sollen sie in Großbritannien auch bald an die Überwachten Anordnungen erteilen, um sie zu Verhaltensänderungen zu veranlassen und um ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie jederzeit von (noch menschlichen) Überwachern audiophon in der Öffentlichkeit bloßgestellt und aus der Anonymität der Innenstädte herausgehoben werden können.
Wie der Artikel berichtet, hat der Stadtrat von
Middlesbrough beschlossen, als ersten Test an sieben der mittlerweile 158 städtischen CCTV-Videoüberwachungskameras Lautsprecher zu installieren.

CCTV-Kamera in Middlesbrough.
Foto: Daily Mail
Middlesbrough ist wie viele britische Städte bereits gut mit Videoüberwachung ausgestattet. Neben den 158 stationären Kameras und dem "state-of-the-art" Kontrollzentrum gibt es laut der Broschüre
Gathering evidence - to make you feel safer(!) vier CCTV-Einheiten für schnell durchzuführende Installationen, zwölf "verdeckte" Einheiten, die in der Stadt installiert werden können und ein Fahrzeug zur mobilen Überwachung.

CCTV Ausrüstung in Middlesbrough.
Über die Lautsprecher können die Bediener im CCTV-Kontrollzentrum direkte Anweisungen an Personen erlassen, wenn die Kameras den Operatoren im Kontrollzentrum ein Verhalten der Personen zeigen, das ihnen nicht passt. Die Anweisungen, die abgegeben werden dürfen, sind in Richtlinien niedergelegt und lauten z. B.:
Warnung - Sie werden durch CCTV überwacht
Warnung - Sie befinden sich in einer "alkoholfreien Zone", bitte unterlassen Sie das Trinken von Alkohol
Warnung - Ihr Verhalten wird durch CCTV überwacht. Es wird aufgezeichnet und von der Polizei verfolgt
Wenn sich für die Initiatoren das Experiment als Erfolg herausstellt, die Bürger also das Verhalten zeigen, was erwartet wird, um öffentliche Bloßstellung zu vermeiden und als
"antisozial" eingestufte Verhaltensweisen im Blickwinkel der Kameras nicht zu sehen sind, weil die Verhaltenssteuerung in den Köpfen der Bürger einsetzt, sollen die Lautsprecher auch auf Kameras in Wohngebieten ausgedehnt werden. Zur Einschüchterungs-Wirkung der öffentlichen Ansprachen an Videokamerainstallationen meint der Manager des CCTV-Systems von Middlesbrough:
Es ist eine gewaltige Abschreckung. Es ist eine Sache zu wissen, dass dort CCTV Kameras sind, aber eine ganz andere Sache, wenn sie laut auf das hinweisen, was man gerade falsch gemacht hat. Die meisten Leute sind so beschämt und verlegen, dass sie erwischt wurden, dass sie – ohne weiteren Ärger zu machen – schnell von dannen schleichen.
Das dient nicht der Kontrolle der Leute, sondern es ist dazu da, die Straßen sicherer für die gesetzestreue (sprich gehorsame) Mehrheit zu machen und mitzuhelfen, die Haltung derjenigen zu ändern, die Ärger machen. Es ändert inakzeptables Verhalten und bewirkt, dass die Leute zweimal nachdenken.
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