Eine Aktualisierung zum Beitrag
Umfragen zur Überwachung.
Im Verlauf der Identifizierung und Ergreifung der beiden Libanesen behaupteten Medien, Politiker und Vertreter der Sicherheitsbehörden unisono, sie wären durch die Videoüberwachung und die offene Fahndung des BKA gelungen. Nach der Identifizierung und Ergreifung wurde kurz darauf bekannt, dass sie auf polizeiliche / geheimdienstliche Tätigkeit und Informationen des pakistanischen / libanesischen Geheimdienstes zurückzuführen waren – was die Ergreifung angeht im Fall des zweiten Verdächtigen dadurch, dass er sich selbst gestellt hatte. Einige Vertreter der Sicherheitsbehörden ruderten in dieser Phase bereits zurück und konzentrierten sich auf den Fahndungsdruck als alleinigem Effekt der Videoüberwachung.
Seit Beginn der offenen Fahndung und den gleichzeitig einsetzenden Forderungen der Sicherheits- und Innenpolitiker nach Ausweitung und Verbesserung der Videoüberwachung bis heute werden von Meinungsforschungsinstituten und den Medien Umfragen zur Videoüberwachung und möglicher Terrorangriffe geschaltet. Ein Überblick:
TED-Umfrage des ZDFs:
Umfragen von n-tv:
Umfrage von Infratest dimap für den "Deutschland-Trend" des ARD-Morgenmagazins:
Mehrzahl der Bürger befürchten keine Terrorangriffe
Im Auftrag des ARD-Morgenmagazins fragte das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap die Bürger, ob sie Angst vor Terrorangriffen haben. 68% der Befragten glauben nicht, dass sie persönlich von einem Anschlag betroffen werden könnten, 31% befürchten einen Anschlag.
Zum Vergleich: Im September 2002 befürchteten 20% Opfer eines Anschlages zu werden, 76% machten sich keine Sorgen.
Bürger sind für Ausweitung der Videoüberwachung in Zügen und gegen bewaffnete Zugbegleiter
Weiter fragte Infratest dimap die Bürger nach ihrer Meinung zur Erweiterung der Sicherheitsmaßnahmen in Zügen und Bussen.
80% der Befragten sind für die Erweiterung der Videoüberwachung in Zügen und Bussen, 17% halten nichts von einer Ausweitung der Überwachung.
Umfrage des Düsseldorfer Marktforschungsinstituts Innofact AG:
Große Mehrheit für Ausweitung der Videoüberwachung
Im Zuge der aktuellen Diskussion um die Abwehr von möglichen Terroranschlägen wünscht sich eine große Mehrheit der Deutschen eine stärkere Videoüberwachung von Bahnhöfen und anderen öffentlichen Plätzen. Dies ergab eine aktuelle Meinungsbefragung, die das Düsseldorfer Marktforschungsinstitut INNOFACT durchführte.
In der repräsentativen Umfrage bekräftigen 71% der Deutschen ihren Wunsch nach einer Ausweitung der Videoüberwachung. Nur rund 14% sprechen sich dagegen aus. Die deutliche Zustimmung zieht sich dabei durch alle Bevölkerungsgruppen. Bei Frauen und älteren Menschen sind es sogar über drei Viertel der Befragten, die einen stärkeren Einsatz der Videoüberwachung fordern. Der höchste Anteil an Kritikern der momentan ja intensiv diskutierten Überwachungsmethode zeigt sich in jüngeren Altersgruppen und speziell bei Schülern und Studenten. Aber auch in diesen Gruppen ist es jeweils noch eine Mehrheit von über 60%, die für eine Ausweitung der Videoüberwachung plädiert.
Für die repräsentative Umfrage hat INNOFACT am 22. und 23. August insgesamt 1.009 Deutsche im Alter von 16 bis 59 Jahren befragt.
Als Ergänzung zur Kritik an diesen Umfragen in dem oben angesprochenen Beitrag fällt bei allen Umfragen die Formulierung der Fragen auf.
"Brauchen wir mehr" und nicht "Haben wir nicht schon genug..." oder "Brauchen wir überhaupt..." oder "Brauchen wir nicht weniger...". "Sind sie für..." und nicht "Sind sie gegen..." oder "Sind sie für oder gegen...".
Alle Umfragen reduzieren sich auf eine Frage. Dabei zeigt schon die dritte n-tv und die Infratest Umfrage, dass es eine persönliche Einschätzung zur Terrorgefahr und ein ausgewogeneres Bild zur Frage des Sicherheitsengagement des Staates gibt, die zum Kontext der Frage zur Ausweitung der Videoüberwachung gehören, aber der Kontext und die Wechselbeziehungen scheinen die Auftraggeber der Umfragen nicht zu interessieren.
Deshalb sind dieses Einzelfragen auch keine statistischen Untersuchungen, bei denen u. a. mit einem Fragekatalog, Kontrollfragen und -gruppen gearbeitet wird. Sie sind deshalb auch nicht im Stande, ein wirklich repräsentatives und differenziertes Abbild zu liefern, auf das sich Bewertungen und Beurteilungen wie die angeblichen "Wünsche" und "Bekräftigungen" oder gar die Legitimierung einer Ausweitung der Videoüberwachung stützen könnte. Das scheint doch auch der Mehrheit der Befürworter der Videoüberwachung in der Innen- und Sicherheitspolitik bewußt zu sein, die bei der Propagierung der Ausweitung der Videoüberwachung nicht auf diese Umfragen zurückgreifen.
Zu den Fragen, die fehlen, würde z. B. gehören:
- Wären Sie in der Lage gewesen, einen der Verdächtigen aufgrund der offenen Fahndung zu erkennen?
- Wie schätzen Sie die Effizienz der Videoüberwachung zur Verhinderung von Straftaten / zur Ergreifung von Straftätern ein?
- Sind Sie der Meinung, dass eine Erhöhung der Anzahl von Videoüberwachungskameras ihre eigene Sicherheit vor Terroranschlägen erhöht?
- Wenn Bahnhöfe durch Videoüberwachungskameras ausreichend geschützt sind, sind Sie der Meinung, dass Videoüberwachungskameras auch an anderen Orten wie Ihrem Einkaufszentrum, in der Straße, in der Sie wohnen, in der Innenstadt ihrer Heimatstadt, in großen Theatern, ihrem Fußballstadion usw. installiert werden sollten?
Sind Sie auch dann für eine Ausweitung der Videoüberwachung, wenn Sie dadurch selbst z. B. beim Betreten eines Sexshops, bei intimen Handlungen in der Öffentlichkeit oder Verrichtung der Notdurft aufgenommen und ihre Aufnahmen angesehen und gespeichert werden?
Usw.
Da man nicht davon ausgehen kann, dass jeder Befragte über umfassende technische Informationen zur Leistung und Verbreitung von Videoüberwachungskameras verfügt, die bisher durchgeführten Studien zur (Nicht-)Effizienz der Videoüberwachung kennt, noch nie etwas vom Problem der Kriminalitätsverlagerung gehört hat oder sich mit der Motivation und Psyche von Selbstmordkommandos auseinandergesetzt hat, würde zu einem richtigen Meinungsabbild auch gehören, zwei Gruppen ausführlich mit den gleichen Fragen zu untersuchen. Mit einer Gruppe, der vorher entsprechendes Informationsmaterial ausgehändigt wird und der anderen Gruppe, der diese Hintergrundinformationen fehlen. So etwas dürfte nebenbei auch im Interesse der Medien sein, um zu erfahren, wie groß die Breitenwirkung ihrer kritischen Berichterstattung ausschaut bzw. ob diese überhaupt existiert, statt Umfragen mit einseitigen und eindimensionalen Einzelfragen zu finanzieren.
So bleibt am Ende, dass der Informations- und Aussagegehalt der Umfragen gegen Null geht. Sie werden nur dazu benutzt, um den einen oder anderen Artikel und Beitrag aufzupeppen – auch um die im eigenen Artikel oder Sendebeitrag transportierte Meinung scheinbar zu untermauern, wir alle bräuchten zur Terrorbekämpfung viel mehr Videoüberwachung und hätten einen riesigen Aufholbedarf, wie jüngst in einem Spiegelartikel zu lesen war.
Die ZDF-Zuschauer haben entschieden: Mehr als drei Viertel der ZDF-Zuschauer sind für mehr Videoüberwachung (naja, zumindest drei Viertel derer, die gerne 0,24 Euro bezahlen um an einem Vote teilzunehmen). Es gibt also viel zu tun! Nachtrag 26.08.20...
Tracked: Aug 26, 10:59
Einsendeschluss für Nominationen ist der 31. August 2006. Zum Nominationsformular.Für die Verleihung der Big Brother Awards in fünf Kategorien können alle Personen, Organisationen, Behörden, Firmen und sonstige Institutionen nominiert werden, wel...
Tracked: Aug 28, 15:58
Morgen findet in Bielefeld die Demonstration gegen Sicherheits- und Überwachungswahn "Freiheit statt Angst" statt und anschließend werden die diesjährigen BigBrotherAwards verliehen. Leider werden diese Aktivitäten nahezu wirkungslose Randerscheinung b
Tracked: Oct 18, 22:39