Nils Boeing macht sich, anknüpfend an den Aufsatz "Tactical Memory" von Sandra Braman, in
Die Kehrseite der Offenheit Gedanken über die Ausbeutung der Strukturen und Produkte der "Openness" Bewegung – zu denen Weblogs, soziale Netzwerke im Netz, Wikimedien und Open Access Angebote zählen – per Data-Mining, Profiling und der Analyse von Netzwerken, damit interessierte Kreise wie die Sicherheitsbehörden die Individuen und Gruppen identifizieren können, die z. B. politisch missliebige Inhalte und Meinungen offenbaren und fragt sich dann
Wie will die Openness-Bewegung verhindern, dass ihre sinnvolle Arbeit nicht genau das untergräbt, was sie schützen will: nämlich Persönlichkeitsrechte und Intimsphäre?
Ich weiß darauf, ehrlich gesagt, keine auch nur halbwegs befriedigende Antwort. Sandra Braman bleibt sie in ihrem Aufsatz schuldig. Aber von der Antwort wird abhängen, ob die Openness-Bewegung zum unfreiwilligen Erfüllungsgehilfen einer drakonischen Sicherheitspolitik mutiert – oder eine umfassende Aufklärung bewirken könnte, die hilft, jene Ungleichheiten zu beseitigen, die sich mitunter auch in politischer Gewalt entladen.
Es verwundert schon, dass in so einem Beitrag kein einziges Mal die Begriffe Pseudonym, Anonymität und Anonymisierung fallen. Denn sie sind die technischen Aspekte, wie man offene Strukturen nutzen kann, ohne das die eigene Präsenz in der Openness-Welt zur Gefahr wird.
Dazu zählt die Einrichtung, Pflege und dauerhafte Nutzung einer eindeutigen, aber pseudonymen Identität – die Komponenten sind hierbei Benutzername und E-Mail, über die zumeist und zur Zeit Zugang zur Openness-Welt gewährt wird – mit der entsprechenden Verabschiedung von der Vorstellung, Inhalte seien nur deshalb weniger authentisch und von geringerer Qualität, weil sie mit einer pseudonymen Identität verknüpft sind. Anonymes oder pseudonymes Identitätsmanagement sind hier die Schlüsselbegriffe, bei dem es bei der technischen und praktikablen Umsetzung allerdings gewaltig hapert.
Hinzu kommt die Nutzung der Anonymisierung für Transport und Datenaustausch auf breiter Front, d. h. für möglichst alle Internet-Protokolle und Dienste. Dazu müssen komplementär auch die Angebote der Openness-Welt funktional so ausgerichtet werden, dass sie mit pseudonymen Identitäten und anonymen Transportwegen auch ohne Probleme genutzt werden können, im schlimmsten oder günstigsten Fall – das kommt auf die netz-politische Perspektive der Macher an – werden sie selbt Bestandteil einer anonymen Infrastruktur.
Aber wenn man offen dem Problem ins Auge schaut, muss man auch feststellen, dass eine Antwort nur derjenige gibt, der danach gefragt wird und selbst einen Sachverhalt als problematisch auffasst.
Die Nachfrage und Thematisierung von Openness-Lösungen seitens der Nutzer, die ihre "Persönlichkeitsrechte und Intimsphäre" besonders schützt, ist äußerst gering, weil die Mehrheit der Nutzer Inhalte und Kommunikation produziert, von der sie glauben wollen, dass sie keinerlei Würdigung seitens der Datensammler erfahren würde. Letztlich also Geringschätzung der eigenen Person und Geringschätzung des Wertes, auch im Internet einen virtuellen "Kernbereich persönlicher Lebensgestaltung" zu besitzen, den man geschützt sehen
will, was eine unbeobachtete Kommunikation und Publikation einschließt, weil man sich an die Permanenz von Kontrolle und Überwachung gewöhnt und ihren Unterhaltungswert über YouTube-Videos, Handycamaufnahmen und Big Brother Häuser lieben gelernt hat.
Für viele Nutzer scheint auch der Weg, sich im Netz identifizierbar und umfangreich zu entäußern (alternativ fremde Personen anzuprangern und zu "entblättern") eine willkommene oder gar die einzige Methode zu sein, um über die Aufmerksamkeit, die ihnen durch die Konsumenten ihrer "Produkte" zuteil wird, ein vermindertes Selbstbewustsein zu stärken und sich ein eindeutiges Profil zu gestalten, dass sie von der Masse abhebt. Da noch eine Selbstverantwortlichkeit im Umgang mit eigenen und fremden persönlichen Daten und Informationen oder ein Abwägen der Risiken einzufordern, mutet schon fast absurd an.
Wenn also die Anbieter der Openness-Bewegung unfreiwillige Erfüllungsgehilfen sind, dann sind die Nutzer ihre freiwilligen Assistenten.
Viele Macher von Openness-Angeboten sehen sich auch einfach nicht in einer politischen und gesellschaftlichen Verantwortung oder als Teil einer Bewegung, sondern als reine Dienstleister, in deren Interesse es ist, mit möglichst geringen Aufwand ein Angebot zu erbringen, weil sie ausschließlich die neuen technischen Möglichkeiten, der Prestigegewinn oder der Profit interessiert. Ein politisches Engagement und technische Realisierungen zum Schutz der "Persönlichkeitsrechte und Intimsphäre" stellen aber einen zusätzlichen und vielleicht auch erheblichen Aufwand dar, den man vermeiden kann, wenn sich niemand dafür interessiert und danach fragt. Ein Nachdenken setzt eventuell und punktuell dann ein, wenn ein negatives Image droht oder schwere Datenschutzverstöße festzustellen sind.
Eine teilweise Gewöhnung an diese Prozesse kann ich auch an mir feststellen, wenn es mich bereits langweilt, einen Beitrag wie diesen zu verfassen.
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