Weil es mit seinem Cover lockte, auf der ein unverzichtbares Requisit der Cyberpunkliteratur der 80er abgebildet war – ein Gesicht mit einer verspiegelten Brille, im Science-Fiction Regal der örtlichen Bibliothek stand und mir im Klappentext die Schlagworte der "totalen Überwachung" und des "Kampfes für Freiheit und Selbstbestimmung" ins Auge sprangen, habe ich den Roman
Traveler des Autors, der sich hinter dem Pseudonym John Twelve Hawks verbirgt, mitgenommen und durchgelesen. Ich habe es bereut.
Wer lieber ohne meine Angaben und Verurteilungen das Buch lesen will, der sollte jetzt aufhören, weiter zu lesen :)

"Traveler" oder "Harlequin" als "Post-Cyberpunk" und einmal als "Easy Rider".
Angaben zur deutschen Ausgabe:
Originaltitel: The Traveler - The Fourth Realm
Seiten: 544
Erschienen: Februar 2006
ISBN: 3-442-20300-7
Verlag: Page & Turner
Preis: 19,95 Euro
Worum geht's in Kürze im Traveler?
Im Mittelpunkt stehen zwei Brüder, die zu den
Travelern gehören. Das sind Menschen mit besonderen Fähigkeiten, zu denen u. a. auch gehört, andere Menschen dazu zu bewegen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, das frei von gesellschaftlichem Anpassungsdruck und der unkritischen Übernahme des vorherrschenden "Life-Styles" und der Normen ist. Auch deshalb stellen sie eine Gefährdung für eine Gruppierung namens
Tabula, auch
die Bruderschaft (Dan Brown lässt grüßen) genannt, dar, die im Hintergrund daran werkelt, ein politisches und technisches System der totalen Kontrolle und Überwachung zu realisieren. Mit Hilfe einer wortkargen Schwertkämpfer-Amazone, die zur Gruppierung der
Harlequins gehört, die als Kämpfer die Traveler beschützen und der Unterstützung zwei weiterer Personen, gelingt es einem der Brüder, sich dem Zugriff der Tabula zu entziehen, während der andere Bruder sich mit seinen Travelerfähigkeiten in den Dienst der Tabula stellt.
Alle Personen des Buches bleiben flach und schablonenhaft. Sie wirken wie Figuren aus einem Comic, die bestens dazu geeignet sind, in einem zweistündigen Hollywoodreißer aufzutreten. Der Verdacht, dass ich hier ein vorerst abgelehntes Drehbuch vor mir hatte, das dann zu einem Buch verarbeitet wurde oder andersherum – ein Buch, das so geschrieben ist, dass ein Drehbuchschreiber daraus schnell ein Filmscript basteln kann, begleitete mich bis zum Ende des Buches. Das Buch ist gespickt mit gängigen Actionszenerien, die man zum Beispiel aus Matrix, Brazil und anderen SciFi Filmen, aber auch Thrillern wie Mission Impossible kennt – Verfolgungsjagden auf Highways, das Eindringen in Hochsicherheitsbereiche, Killerkommandos und Todesschwadronen, die schutzlose Personen heimsuchen und die Dr-Kimble-Flucht, die zum Unterschlupf bei Verbündeten in der Wüste führt. Die es aber nicht schaffen, Spannung zu erzeugen, eben weil sie so bekannt sind.
Die Dialoge der Protagonisten, von denen es auch reichlich im Buch gibt, sind entweder oberflächliches Gefasel oder überladen mit trockenen, aber auch oberflächlich bleibenden Aussagen, warum, von wem und wie die totale Überwachung zustande kommt und weshalb die Gegenspieler dagegen ankämpfen müssen. Das muss vom Drehbuchschreiber dann nur noch visuell in Szene gesetzt werden.
Auch taucht hier wieder das klassische Schwarz-Weiß Schema auf, mit dem guten Traveler-Bruder, der sich der Macht des Lichts widmet, während sich der böse Bruder als "Cold Traveler" auf die dunkle Seite der Macht ziehen lässt (Luke, Du gehörst zu uns, sprach der Imperator, bevor er verschrumpelte), der bösen Bruderschaft und den guten Harlequins und ihrer Söldner, die für die gute Sache kämpfen.
Ansatzweise versucht der Autor bei einzelnen Figuren und dem gesellschaftlichen Kontext Grauzonen sichtbar zu machen, aber es bleibt beim Anssatz.
So kämpft zwar die Harlequin-Amazone für die Guten, geht dabei aber ohne jeden Skrupel sehr blutig zu Werke, ein Harlequin-Genosse entpuppt sich gar als Verräter. Neben den aufgestellten Hauptkontrahenten gibt es auch noch die gesellschaftlichen Kreise der "Bürger" und "Drohnen". Bürger sind liberale Intellektuelle, die meinen den Durchblick zu haben, für die es dann aber doch besser ist, eine Yuppiekarriere hinzulegen und die nächste Party zu besuchen, während Drohnen sich aus den unterpriviligierten Klassen rekrutieren, die nur damit beschäftigt sind, den alltäglichen Überlebenskampf zu bewältigen und sich deshalb prima von den Tabula für ihre Zwecke einspannen lassen. Das war's auch schon.
Besonders ärgerlich ist in meinen Augen die Verwendung des abgenudelten Klischees einer geheimen Weltverschwörung in Gestalt des Geheimbundes der Bruderschaft, die auch noch bei ihren Gegnern Tabula heißen, weil sie eben politisch und technisch "Tabula rasa" mit der Gesellschaft machen wollen, um ihr Macht- und Herrschaftssystem zu verwirklichen. Bilderberg und die Illuminaten lassen kräftig grüßen.
Im Mittelpunkt dieser Weltverschwörung steht ein ehemaliger General, für dessen Figur der Autor wohl Anleihen bei Admiral Poindexter nahm, Direktor des Terrorist Information Awareness Systems und nationaler Sicherheitsberater unter Reagan oder bei General Hayden, Ex NSA- und aktueller CIA-Direktor. Dieser General konnte seine Allmachtsfantasien nicht im White House verwirklichen und spinnt nun seine Ränke über eine Deckorganisation in Form einer Stiftung.
Im Fokus seiner Bemühungen steht ein Quantencomputer, die "Traveler" zu einer Episode verkommen lassen, wie sie auch bei Akte-X, X-Factor oder Outer Limits vorkommen mag. Daraus scheint sich Hawks neben bekannten SciFi Filmen und Dystopieklassikern ebenfalls heftig bedient zu haben.
Denn nicht nur, dass der Quantencomputer geschildert wird wie des Teufels Kapsel aus Carpenters "Fürsten der Dunkelheit" – ein Glasbehältnis mit einer rotierenden grünen Pampe, in der es verdächtig blitzt. Nein, die Baupläne für weitere Quantencomputer stammen auch noch von Aliens, die in einer der Sphären oder Paralleluniversen hausen, in die auch die Traveler wechseln können. Wenn die Partikel des Quantencomputers, die wie die Traveler in den anderen Dimensionen verschwinden und wieder in die Dimension der guten, alten Erde zurückkehren, haben Aliens die Partikel mit Daten vollgepackt, die der Weltverschwörung zum Bau verbesserter Quantencomputer verhelfen, die dazu benötigt werden, das gigantische Volumen zu verarbeiten, das jeden Tag durch den Zoo von Überwachungs- und Kontrolltechniken anfällt. Die Verarbeitung der Daten durch die Quantencomputer und die Entwicklung neuer Überwachungstechniken mit ihrer Hilfe stellt im Buch den Schlüssel dar, der der Bruderschaft zur letztendlichen Weltherrschaft verhelfen soll.
Dafür verlangen die Aliens eine Rückfahrkarte in Gestalt einer Reiseanleitung zur Erdensphäre, die ihnen der böse Traveler-Bruder, verkabelt mit dem Quantencomputer, bei seinen Reisen in die anderen Dimensionen liefert. Filme wie "Contact", "Sie leben" oder "Die Ankunft" lassen auch hier grüßen. Der erste Besuch des guten Traveler-Bruders in einer anderen Dimension ist fast die exakte Darstellung der Ankunft von Jodie Foster in "Contact", wenn die mit ihrem Transportgerät, dessen Baupläne durch Aliens übermitteltet wurden, im Universum der Aliens "aufschlägt".
Aber kommen wir zu den ärgerlichen Travelern – zu denen im Buch auch darauf angespielt wird, Personen wie Jesus und Buddha wären erste Traveler gewesen, während die Harlequin-Kämpfer getreu dem Ahasvermythos dazu verdammt sind, die Traveler bis in alle Ewigkeit zu behüten und sich ihre Kriegerkaste später im "guten" Templerorden wiederfindet.
Hawks schildert eine Gesellschaft, in der außer den Harlequins, ihren Söldnern und Unterstützern keiner das nötige Bewustsein und die rechte Antriebskraft besitzt, um sich für Freiheit und Selbstbestimmung einzusetzen und sich gegen die Einschränkung der Grundrechte und -freiheiten durch die Tabula zu stellen, denn es sind ja alles nur Bürger und Drohnen.
Dafür wird die als "heilig" glorifizierte Gestalt des Travelers benötigt, der durch seine genetisch bedingte Fähigkeit, mit seinem esoterischen Astralleib in andere Dimensionen zu wechseln, dort philosophische und bewustseinserweiternde Nahrung tankt, um dann zurückgekehrt den Bürgern und Drohnen die Augen zu öffnen.
Die bilden allerdings dann keine politische oder technische Untergrundorganisation, sondern führen entweder spirituelle Tänze auf oder ziehen sich in Öko-Hippielandkommunen zurück. Nicht nur, dass Hawks um die Gestalt der Traveler und Herlequins herum allerlei spirituell-esoterischen und historischen Unsinn verzapft, knüpft er auch noch die Entscheidung, ob die Menschheit in Zukunft in einer freien und offenen Gesellschaft leben wird oder in der Hölle des global realisierten Bentham'schen Panoptikums, an einen messianischen Führer in Gestalt des astralentleibten Travelers, während die eigentlichen Notwendigkeiten – breite Bewußtseinsbildung und Information in und durch die Öffentlichkeit und die politische und technische Selbstorganisation der Individuen völlig negiert werden. Die einen bleiben seelenlose Marionetten des Systems, zu keiner Aktion fähig, die anderen führen Tänze auf und backen Ökobrote, während der Traveler mit seiner kleinen Schar von Guerilleros seine Mission erfüllt. Das ist in meinen Augen Hawks am meisten anzukreiden, wenn er überhaupt mit seinem Traveler eine "Botschaft" verbreiten will. Wenn, dann ist es die falsche Message.
Ein paar Worte zu den positiven Punkten und den technischen Überwachungs- und Kontrollaspekten im Traveler.
Gut gefallen hat mir die Idee mit den kleinen Zufallszahlengeneratoren, die von den Harlequin-Guerilleros dauernd mitgeführt werden, um mittels gerader oder ungerader Zaheln Entscheidungen zu bestimmen, die wegen ihrer Unberechenbarkeit dem starren Kontrollfetischismus der Tabula entgegenwirken.
Auch die Vorstellung von Benthams Panoptikum im Mittelteil des Buches als Blaupause für ein technisch-psychologisches Überwachungsregime, in dem die Überwachten selbst zu ihrer Überwachung beitragen, war, wenn auch bekannt, nicht so schlecht.
Was die technischen Instrumente und Mittel der tabul-osen Überwachungsinfrastruktur und ihrer Abwehr angeht, merkt man dem Buch an, dass Hawks dazu wohl intensiver recherchiert hat. Man könnte auch spekulieren, ob sich hinter Hawks nicht das eine oder andere Mitglied einer Bürgerrecht- oder Datenschutz-NGO oder ähnlichem verbirgt, das hier sein Erstlingswerk vorlegt. Es kommt fast komplett alles im Buch vor, was gerade akut und aktuell ist: Die Millionen von CCTV-Überwachungskameras, der RFID VeriChip in Gestalt des "Proactive Links", GPS-Peilempfänger in Gestalt von "Verfolgungskugeln", Data Mining Projekte wie das Total Information Awareness System und Überwachungstools wie das FBI-Carnivore, Verschlüsselung, SILC-Chats, "Magic Lantern" Trojaner, das Profiling über Kredit- und Kundenkarten, biometrische Gesichtserkennung, Rasterfahndung, DNA-Spurenanalytik, Internetplattformen wie Freenet und versteckte Torwebsites usw.
Allerdings werden die Leser, die sich nicht damit auskennen, schwerlich etwas damit anzufangen wissen, teilweise werden die technischen Überwachungskomponenten auch mit unnötigen Wortneuschöpfungen umschrieben oder verfälscht dargestellt, so dass eine oberflächliche Aneinanderreihung übrig bleibt. Hier hätte dem Buch wenigstens ein Glossar und ein Anhang gut getan, die Begriffserklärungen und Links aus der Real World enthalten. Aber sei es drum – auch mit diesen Schnipseln wird der Hollywooddrehbuchschreiber etwas anzufangen wissen.
Zum Abschluss noch ein paar Anmerkungen zum Autor. Dieser gibt sich sehr geheimnisvoll und PR-trächtig als jemand aus, der "außerhalb des Rasters" lebe. Good luck, wenn er das wirklich schafft. Aber ohne die Kreditkarten und Verbindungen von Freunden, die stellvertretend für ihn ihren Kopf "im Raster" hinhalten, geht es wohl auch nicht, wie man aus ein paar raren Interviews herauslesen kann. Wer sich die noch durchlesen möchte: Es gibt
A Conversation with John Twelve Hawks, author of The Traveler und das
Interview with John Twelve Hawks. Ansonsten "spreche ja der Traveler für mich", so Hawks. Hawks hat übrigens angedroht, der Traveler sei der erste Titel einer Trilogie.
Geschmunzelt habe ich, als ich hörte, dass sich Hawks wohl auf der Hörbuchversion mit verfremdeter Stimme mit "Mein Name ist John Twelve Hawks..." vorstellt. Aha, die Edgar Wallace Filme kennt er also auch.
Vielleicht wäre es sinnvoller, Hawks Essay
How we live now (dessen Titel mich sofort an Vannevar Bushs "As we may think" erinnerte) zu lesen, der in der deutschsprachigen Ausgabe fehlt, aber in der englischsprachigen Ausgabe als Anhang beigefügt ist und mit dem sich Akte: Surveillance in
Wie wir heute Leben auseinandersetzt. Aber erst einmal stehen als nächste Titel
Gibsons Mustererkennung und der Cyberpunk-Klassiker
Metrophage von R. Kadrey auf dem Programm, die ich mir günstig bei
booklooker ergattert habe.
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padeluun -
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