Heute Nacht ist im TV die filmische Aufarbeitung des europäischen Terrorismus der Vergangeheit angesagt.
3sat zeigt heute ab 22:25 Uhr den italienischen Film
Der Tag, an dem die Nacht kam über das Leben als Angehöriger der
Brigate Rosse oder auf Deutsch "Rote Brigaden" und das Schicksal des christdemokratischen Politikers
Aldo Moro. Aus dem Ankündigungstext:
Der Fall Aldo Moro war 1978 einer der größten politischen Skandale der italienischen Nachkriegsgeschichte. Eine Untersuchungskommission stieß auf Machenschaften in- und ausländischer Geheimdienste sowie höchster politischer Kreise, die die Entführung für ihre Interessen nutzten und wenig Interesse hatten, das Leben Moros zu retten. Nach 55 Tagen Haft wurde er im Namen einer "proletarischen Justiz" zum Tode verurteilt und erschossen. Alle Versuche, sein Versteck zu finden, scheiterten am fast vorsätzlichen Dilettantismus des Fahndungsapparats. Alle Appelle, sein Leben zu retten, wurden von der Regierung unter Führung seines Parteifreundes Andreotti zurückgewiesen. Der Staat müsse hart bleiben und dürfe sich nicht erpressen lassen - das war die offizielle Linie, die auch die Kommunisten unterstützten. Sie wollte Moro im Sinne eines "historischen Kompromisses" an der Regierung beteiligen. Dabei hatte er sich viele Feinde gemacht - in der eigenen Partei wie im amerikanischen Außenministerium.
Marco Bellocchio, der sich mit seinen Filmen immer wieder aus einer kritischen linken Perspektive mit der italienischen Gesellschaft auseinander gesetzt hat, erzählt die brisante Geschichte der Entführung nicht als Politthriller (wie Guiseppe Ferrara in "Der Fall Moro", 1986), sondern als Kammerspiel, das weitgehend auf die Wohnung und den Austausch zwischen Moro und seinen Bewachern konzentriert ist. Weder dämonisiert er die Roten Brigaden, noch heroisiert er die Figur Moros. Der Zuschauer erlebt die Ereignisse aus die Perspektive von Chiara, der einzigen Frau unter den Entführern. Am Anfang ist sie beseelt vom Traum von der Revolution, den Bellocchio mit Schwarz-Weiß-Bildern aus dem revolutionären Russland illustriert. Doch im Lauf der Zeit wachsen ihre Skrupel. Chiaras subjektiver Blick und ihr Konflikt zwischen Moral und "revolutionärer" Überzeugung geben dem Film eine wachsende Spannung, der man sich kaum entziehen kann.
Und auf VOX läuft ab 00:20 Uhr im Rahmen der
Rainer Werner Fassbinder Reihe (Thx Vox) der Film "Die dritte Generation", in dem sich Fassbinder ein Jahr nach der Entführung von
Hanns-Martin Schleyer kritisch mit der
Roten Armee Fraktion, ihres Sympathisantenumfeldes aber auch mit dem Überwachungseifer im "Deutschen Herbst" Ende der 70er Jahre beschäftigte.
Text des Deutschen Historischen Museums zum Film:
Ein Jahr, nachdem die RAF den Manager Hanns Martin Schleyer entführt und ermordet hatte, schildert Fassbinder seine persönliche Sicht der Dinge: Das Kapital habe den Terrorismus erfunden, um den Staat zu schützen, lässt er seinen Film-Kommissar (Hark Bohm) sagen. WDR und Berliner Senat waren empört und zogen ihre finanzielle Zusage zurück. Fassbinder machte Schulden und zog das Projekt allein durch.
"In Rainer Werner Fassbinders Die dritte Generation tauchen die Terroristen als Marionetten des Kapitals auf, (...). Die dritte Generation steigert den Irrsinn von Terror und Terrorbekämpfung zur aberwitzigen Fantasie: Die Terroristen sind mannigfach mit Staat und Kapital verbunden. Verrat ist keine Ausnahme, sondern Struktur. Die Terroristen sind kaputte Dandys, das übliche, zwischen Depression und Exaltiertheit schwankende Fassbinder-Personal. Vor allem sind sie Figuren im Machtspiel eines Unternehmers (Eddie Constantine), der Computer an den Staat verkaufen will und dafür Verkaufsargumente braucht. (...)
Die dritte Generation fasste, schnell und schrill, zwei Stimmen zusammen: die Post-1977-Paranoia, die dem Staat alles zutraute, und das Gefühl, dass die zweite und dritte RAF-Generation, anders als deren irgendwie tragisch gescheiterte Gründer, keine Aufmerksamkeit mehr verdient hatten." (Stefan Renecke)
Kann man Terrorismus verstehen? Kann man die Protagonisten des Terrorismus verstehen? Daran haben sich auch viele Filmemacher abgearbeitet, Rainer Werner Fassbinder zum Beispiel. Gelegentlich scheint es gar Themenabende im TV zum Terrorismus zu geben (Tip
Tracked: Oct 22, 11:28