In der ZEIT Nr. 50 vom 04.12.03 findet sich der Artikel
Die Piraten des 21. Jahrhunderts. Eine interessant und amüsant zu lesende kurze Abhandlung zur Cypherpunk / Coderpunk / Hacktivism Bewegung, ihren Anfängen, Utopien, Projekten und zukünftigen Plänen. Wobei ich nach einem Besuch der Websites den Eindruck habe, dass z. B. die in dem Artikel und der Linkübersicht vorgestellten Projekte
Privaterra und
OpenNet, wie andere Vorhaben auch, ziemlich eingeschlafen sind. Was mich an dem Artikel, wie so oft, gestört hat, ist die Vermischung oder Verwechselung des
Anarchismus mit der
libertären Bewegung oder Ideologie der Technoeliten des Sillicon Valleys, auch wenn es zwischen beiden Richtungen einige Berührungspunkte gibt. Den angehängten Weblinksführer
Im Reich der Anarchisten (!) finde ich ganz OK, aber musste man unbedingt als "Firewall" ZoneAlarm hervorheben und warum finden sich keinerlei Links zu deutschen Projekten, Gruppierungen, Magazinen oder Mailinglisten wie z. B.
JAP/AN.ON, der
Debate Mailingliste, dem
Magazin Telepolis, dem
Chaos Computer Club oder auch dem einen oder anderen Blog? Folgt man dem Autor des Artikels, spielen sich Bemühungen, den Leuten Datenschutz, Informationsfreiheit, Kryptografie usw. nahezubringen nur auf dem Gebiet der USA ab, sehr armselig oder besser US-zentriert recherchiert.
Nachtrag um 16:46: Lustig, gerade als ich nach Schreiben des Eintrags mal eben zum
Spindoktor switche, sehe ich, dass sich auch Stefan heute des Artikels angenommen hat :) (mensch Stefan, kannst Du nicht mal 'ne Kommentarfunktion einbauen lassen? Irgendwie ist es auch schwer, einen direkten Link zu einem bestimmten Eintrag anzubringen)
Allerdings bin ich über den Artikel zu dem interessanten Bericht
China's Golden Shield von Greg Walton gelangt. Der stammt zwar aus dem Jahr 2001, bietet aber erste Informationen zu dem Punkt, den ich im Eintrag "Die Freilassung von Liu Di" ansprach, nämlich die Verstrickungen und Verbindungen westlicher Software- und Hardwarehersteller bei dem Aufbau des gigantischen Überwachungs- und Zensurnetzwerkes in China öffentlich zu machen und damit Druck auf westliche Politiker auszuüben, diesem Treiben ein Ende zu bereiten. Denn es kann ja wohl nicht angehen, dass westliche Politiker wie Bundeskanzler Schröder und Justizministerin Zypries zwar lobenswert in chinesischen Universitäten die Verfolgung von chinesischen Netzaktivisten und den zensierten Internetzugang für Millionen von Chinesen
kritisieren, aber sich gleichzeitig und abseits der Öffentlichkeit Hunderte von IT-Unternehmen aus dem Westen beim Ausbau des Überwachungsnetzwerkes in China - dem
Golden Shield - eine goldene Nase verdienen und gerade dadurch Verfolgung und Zensur in China mit ermöglichen.
Aber nicht nur im Interesse der Demokratie- und Menschenrechtsbewegungen in China ist es wichtig, die Überwachungsprojekte in China genau zu verfolgen, sondern es muss auch in unserem eigenen Interesse liegen, die dortigen Entwicklungen kritisch und offensiv zu begleiten. Denn in China zeigt sich uns schon heute, welche perversen Ausmaße die Ansichten und Pläne von Sicherheits- und Medienpolitikern annehmen könnten, wenn diese weiterhin so ungebremt durchgesetzt werden, wie das bisher der Fall ist. Die Spuren und Ansätze eines
Golden Shields sind auch bei uns beispielsweise, aber nicht nur dort, in den
Filterprojekten in Nordrhein-Westfalen oder der Absicht zur Datenvorratsspeicherung
beim Bunderat oder
Innenminister Schily zu finden.
Später vielleicht einmal mehr zum goldenen Schild in China.