Irgendwann, in einem Beitrag zur Überwachung von Straftätern per GPS-Modulen, die in amerikanischen Knästen einsitzen oder draußen "auf Bewährung" sind, schrieb ich, dass man neue Überwachungstechniken zuerst an denjenigen testet, die eh nicht im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen und wo man noch am meisten mit Akzeptanz aus der Bevölkerung rechnen kann, bevor man dann die gesamte Bevölkerung überwacht.
Wenn man die Pressemiteilung des Hessischen Justizministers anlässlich der Lobrede des Einsatzes von GPS-Fußfesseln bei Straftätern in Hessen liest, hatte Herr Dr. Christian Wagner (CDU) aber nicht nur Täter im Sinn, sondern zunächst auch Langzeitsarbeitslose und therapierte Suchtkranke, denen ebenfalls ein GPS-Modul als "sozialtherapeutische Maßnahme" angehängt werden sollte. Das Justizministerium hat bereits laut
Wagner sorgt für Verwirrung dementiert und mit den üblichen Floskeln abgeblockt. In meinen Augen ist diese "klarstellende" Information nicht aus der
Pressemitteilung ersichtlich, sondern es war schon so gemeint, wie es sich der Herr Justizminister gedacht hatte: Ein Empfänger an den Terminals im Arbeitsamt, am besten ein Empfänger, weit entfernt vom Bett, damit man auch sicher sein kann, dass der Arbeitslose aufsteht, ein Empfänger bei der örtlichen Suchtbetreuungsstation usw. - damit der Tagesablauf mal ordentlich durchstrukturiert wird.
By the way: In den Staaten gibt es bereits auch fertige Lösungen für Unternehmen, die ihren Angestellten GPS-Module anhängen wollen. Denkt nicht, jemand würde davonkommen, wenn Leute wie Wagner oder Personen mit der nötigen Menschenverachtung mal richtig Ernst machen.
Mit den Ergebnissen des Projekts zeigte sich Wagner sehr zufrieden: "Mit Hilfe der Technik wird dem Verurteilten jeden Tag wieder neu klar gemacht, dass er sich an bestimmte Vorgaben zu halten hat. Bei einem Verstoß riskiert er den Bewährungswiderruf und muss die verhängte Strafe verbüßen. Die elektronische Fußfessel setzt bei den Straftätern Motivationen und Kräfte frei, die mit herkömmlichen Mitteln der Bewährungshilfe nicht erreicht werden können. Die Fußfesselträger werden zu einer für ihre Verhältnisse hohen Selbstdisziplin und zur Erfüllung des ihnen vorgegebenen Wochenplans angehalten. Die elektronische Fußfessel bietet damit auch Langzeitarbeitslosen und therapierten Suchtkranken die Chance, zu einem geregelten Tagesablauf zurückzukehren und in ein Arbeitsverhältnis vermittelt zu werden. Viele Probanden haben es verlernt, nach der Uhr zu leben, und gefährden damit gerade auch ihren Arbeitsplatz oder ihre Ausbildungsstelle. Durch die Überwachung mit der elektronischen Fußfessel kann eine wichtige Hilfe zur Selbsthilfe geleistet werden."
Aber was rede ich da, bald wird sowieso jeder Hansel mit einem GPS-Handy oder GPS-Armbanduhr herumlaufen, geht doch...
Nachtrag:
Laut indymedia Beitrag
Strafantrag wegen Fußfesseläußerung hat bereits eine Personen Strafantrag und Strafanzeige u. a. wegen Beleidigung und Volksverhetzung gestellt.
Nachtrag 2
Beim Hessischen Rundfunk gibt es in
Arbeitslose bleiben in Freiheit eine schöne Zusammenfassung zur Aufregung, den Dementis und wer was so gemeint oder nicht gemeint hat, nachdem die Pressemitteilung über die Aufnahme in den Medien bis zur BILD für Empörung gesorgt hatte. Ich nehme daraus den Satz des Grünen Al-Wazir mit
"Wagners Problem sei, dass ihm die Forderung durchaus zugetraut werde". Nicht, dass ich den Grünen nicht auch die mit gerunzelten Stirnen, sorgenvoller Miene und bedauernden Augenaufschlag präsentierte Zustimmung zu ähnlichen Plänen zutrauen würde. Aber der "Schuß vor den Bug" zu derlei Überwachungsfantasien und Kontrollfetischismus war schon notwenig, wie auch die Kommentare/Trackbacks zeigen.
Zur CeBIT 2005 wurden in einer Pressemitteilung des Justizministeriums positiv bilanziert. Nun heißt es im Hessischen Rundfunk, Justizminister Christian "Wagner sorgt für Verwirrung": Das Aktionsbündnis "Soziale Gerechtigkeit - Stoppt den Sozialabb...
Tracked: Apr 28, 02:01
Da denkt man sich die schlimmsten Szenarien der Überwachung aus, und weiß (zumindest wusste ich es bisher nicht) was im Staate so alles vor sich geht.. Großes Pfui!: GPS Überwachung für alle - rabenhorst Solangsam verschlägt es mir zum Thema...
Tracked: Apr 28, 10:37
Wie einfach man Handys mit GPS und Java in ein noch genaueres Überwachungstool zur Lokalisierung und Bewegungsverfolgung verwandeln kann, als bloß die Zell-ID festzustellen wie in der geplanten EU-Direktive zur Vorratsspeicherung, erzählt der Artikel Big
Tracked: Jul 25, 23:41
Da Arbeitslose und besonders Hartz IV Empfänger als beliebte Testobjekte für staatliche Datenschnüffelei und neue Ein- bzw. Übergriffe in Privatssphäre, Grund- und Datenschutzrechte dienen, dürfte gerade für diese Personengruppe der Ratgeber zu Hartz IV 2
Tracked: Dec 08, 21:27